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DVGW-Regelwerk „Gasleitungen mit mehr als 16 Bar “: Mehr Aufmerksamkeit für KKS

Die neue Ausgabe des DVGW-Arbeitsblattes G 466-1 beschreibt Anforderungen an den Kathodischen Korrosionsschutz (KKS) präziser und regelt diese verbindlich für Wartung und Instandhaltung.

Das DVGW-Arbeitsblatt G 466-1 regelt den Betrieb und die Instandhaltung von Gasleitungen aus Stahlrohren mit einem Auslegungsdruck von mehr als 16 Bar (die Vorgängerversion galt bereits ab 5 Bar), die der Versorgung der Allgemeinheit mit Gas dienen. Überarbeitet wurde die G 466-1 vom Technischen Komitee (TK) „Gastransportleitungen“ des DVGW. Erstmals war ein Vertreter des TK „Außenkorrosion“ direkt beteiligt, der vom TK „Gastransportleitungen“ für die Überarbeitung eingeladen wurde. Im Juni 2018 erschien die überarbeitete Fassung im Weißdruck und löste die Vorgängerversion aus 2012 ab.

Neben den üblichen Anpassungen – zum Beispiel der Aktualisierung der normativen Verweisungen, redaktionellen Anpassungen oder einer Überarbeitung der Begrifflichkeiten – wurden Hinweise zu meldepflichtigen Ereignissen, Kennzeichnungspflichten in schutzbedürftigen Gebieten und neue Reparaturverfahren aufgenommen. „Darüber hinaus wurde dem Thema Korrosionsschutz ein breiterer Raum gegeben und der Begriff ‚Intensive KKSMesstechnik‘ eingeführt“, so Theilmeier-Aldehoff, Leiter des Kompetenzcenters Korrosionsschutz bei der Open Grid Europe GmbH (OGE). Was genau bedeutet dies also für Korrosionsschutzthemen?

Molchung und KKS

Im Kapitel „Wartung und Inspektion“ wird bereits auf die Verpflichtung des Betreibers zur regelmäßigen Inspektion hingewiesen. „Dabei ist nicht nur die zyklische Überwachung mittels Begehen, Befahren und Befliegen, sondern auch die wiederkehrende Zustandsbewertung der Leitungssysteme gemeint“, so Theilmeier- Aldehoff. Auf die Verpflichtung zur Zustands- analyse hatte auch schon die Vorgängerversion hingewiesen. „Hier wird aber erstmalig beschrieben mit welchen Mitteln diese Zustandsanalyse zu erfolgen hat“, so der KKS-Experte. Der Leitungsbetreiber kann gemäß der Formulierung in Kapitel 5.1 festlegen, ob für die Inspektion die „Intelligente Molchung“ oder die „Intensive Messtechnik“ eingesetzt wird.

Da die G 466-1 Überschneidungen mit anderen Regelwerken vermeiden will, verweist sie bezüglich der Inspektions- und Wartungsaktivitäten des Kathodischen Korrosionsschutzes (KKS) auf das DVGW-Arbeitsblatt GW 10. Der Hinweis auf die jährliche Überprüfung der Maßnahmen zur Sicherstellung des Berührungsschutzes darf hier trotzdem nicht fehlen, da es sich dabei um Maßnahmen zur Sicherstellung des Personenschutzes handelt.

Die Kapitel „Korrosionsschutz“ und „Inspektionsmolchungen“ befinden sich in direkter Nachbarschaft. „Dies ist kein Zufall, denn die intelligente Molchung ist auch eine Inspektionsmethode zur Sicherstellung des Korrosionsschutzes“, so Theilmeier-Aldehoff. Dem wird auch in dem frisch überarbeiteten DVGW-Arbeitsblatt GW 10 Rechnung getragen. Dort heißt es in Kapitel 7.2.5 bei der „Empfehlung von zusätzlichen Überprüfungen“, dass „alternativ der Nachweis über die Wirksamkeit des Korrosionsschutzes auch durch den Einsatz intelligenter Molche geführt werden kann.“

Intensive KKS-Messtechnik

Die G 466-1 führt nun im Weiteren auch den Begriff „Intensive KKS-Messtechnik“ ein. „Ursprünglich sollte an dieser Stelle ausschließlich die ‚Intensivmessung‘, genannt werden, eine Technik, die schon seit vielen Jahren erfolgreich angewendet wird. Da die Intensivmesstechnik aber nicht die einzige Methode ist, mit der der Nachweis der Wirksamkeit des Kathodischen Korrosionsschutzes geführt werden kann, wurde der Begriff ‚Intensive KKS-Messtechnik‘ als Sammelbegriff für alle anderen Nachweismethoden, eingeführt“, so Theilmeier-Aldohoff. Die einzelnen Methoden sind beispielhaft in der G 466-1 aufgeführt. Details dazu können der DIN EN 13509 „Messverfahren für den kathodischen Korrosionsschutz“ entnommen werden. Im Kapitel 5.3.4 der G466-1 wird auch verbindlich festgelegt, dass die Zustandsanalyse von Gashochdruckleitungen, die nicht gemolcht werden, mit den Methoden der „Intensiven KKS-Messtechnik“ zu führen ist. Wie mit den Daten aus den verschiedenen Inspektionsmethoden zu verfahren ist, wird in Kapitel 5.4 „Auswertung der Inspektionsergebnisse“ beschrieben. Dabei wird auf das Merkblatt GW 18 „Zustandsbewertung von kathodisch geschützten Rohrleitungen der Gas- und Wasserversorgung“ verwiesen.

KKS bei Rohrtrennung abschalten

Foto: sigMedia

Für den Bereich der Instandsetzung im Unterkapitel „Trennen der Gasleitungen“ verweist die G 466-1 auf die Erkenntnisse aus der Überarbeitung des DVGW-Arbeitsblattes GW 309 „Elektrische Überbrückung bei Rohrtrennungen“. Dort ist in den aktualisierten Fassungen aufgeführt, dass selbst bei ordnungsgemäßer Überbrückung eine Funkenbildung bei der Trennung von Rohrleitungen nicht in allen Fällen sicher ausgeschlossen werden kann. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Rohrleitung einer Beeinflussung durch Streu- oder induzierte Wechselströme unterliegt.

Ist eine Trennung von Rohren vorgesehen und liegt dort eine solche Beeinflussungssituation vor, legen die aktualisierten Regelwerke beide fest, dass eine Gefährdungsbeurteilung und gegebenenfalls die Trennung unter Gasfreiheit oder unter Verwendung von Inertgas durchgeführt werden muss.

„Grundsätzlich, und das unterscheidet auch die aktuelle von der Vorgängerversion der G 466-1, ist der kathodische Korrosionsschutz beim Trennen von Rohrleitungen abzuschalten, da selbst der verhältnismäßig geringe kathodische Schutzstrom ausreichen könnte, einen Funken zu erzeugen, der wiederum in der Lage wäre, ein zündfähiges Gas-/Luftgemisch zu zünden“, so Theilmeier-Aldehoff.

Passiver und aktiver Korrosionsschutz

Die G 466-1 widmet dem Korrosionsschutz erstmals ein eigenes Kapitel. Bezüglich des passiven Korrosionsschutzes wird auf das DVGW-Arbeitsblatt G 463 „Gasleitungen aus Stahlrohren von mehr als 16 Bar Betriebsdruck – Errichtung“ verwiesen und zumindest für ausgetauschte Bauteile, Nachumhüllungen und Ausbesserung von Umhüllungen die hohen Anforderungen der G 463 (im Klartext „Fehlstellenfreiheit“) gefordert.

Bezüglich des aktiven Korrosionsschutzes wird wieder auf das DVGW-Arbeitsblatt GW 10 verwiesen. „Besonders hervorgehoben wird an dieser Stelle, dass der erstmalige Nachweis der Wirksamkeit des Korrosionsschutzes durch einen Sachkundigen nach DVGW-Arbeitsblatt GW 11 zu führen und durch einen Sachverständigen zu bescheinigen ist“, so Theilmeier-Aldehoff.

Anforderungen an Sachverständige für den Korrosionsschutz sind im DVGW-Arbeitsblatt G 100 „Qualifikationsanforderungen an Sachverständige für Energieanlagen der Gasversorgung“, Fachgebiet IX „Korrosionsschutz“, beschrieben. „Neu, sowohl in der G 466-1 als auch in der GW 10, ist die Forderung, dass der Nachweis der Wirksamkeit des Korrosionsschutzes in Gebieten mit besonderem Schutzbedürfnis wiederkehrend zu führen ist“, so der OGE-Mitarbeiter. Die Zyklen der wiederkehrenden Überprüfungen sind vom Betreiber festzulegen und zu begründen. Auch das Thema Berührungsschutz ist explizit aufgeführt. In Kapitel 8 wird noch mal darauf hingewiesen, dass dieser bei hochspannungsbeeinflussten Gasleitungen gemäß DVGW-Arbeitsblatt GW 22 bei Inbetriebnahme, Nach- oder Inspektionsmessung nicht beeinträchtigt werden darf. Abschließend wird im Kapitel „Wiederinbetriebsetzung“ daran erinnert, dass im Nachgang zu Instandsetzungsarbeiten, die Auswirkung auf den kathodischen Korrosionsschutz haben (Austausch von Isolierstücken, Aufgrabungen im Bereich von Korrosionsschutzkabeln und Erdungsanlagen, sowie Reparatur von elektrischen Schieberantrieben), der Wirksamkeit des kathodischen Korrosionsschutzes und der Erdungsanlagen besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist.

Zusammenfassend verdeutlichen die Entwicklungen auf Seite der Regelwerke, dass der Stellenwert des Korrosionsschutzes zugenommen hat. „Die zunehmende Komplexität des Korrosionsschutzes zeigt sich auch darin, dass der in der Vergangenheit schon existente Korrosionsschutz-Sachverständige ‚wiederbelebt‘ und in das DVGW-Arbeitsblatt G 100 aufgenommen wurde“, so Theilmeier- Aldehoff.

Kontakt: Open Grid Europe GmbH, Hans-Willy Theilheimer-Aldehoff, 45326 Essen, Tel.: 0201/3642-183410, hans-willy.theilmeier-aldehoff@open-grid-europe.com